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< Endlich wieder in der Luft!
01.07.2020
Alter: 147 Tage
Kategorie: öffentlich
Von: Gerd Zwittmeier

Dienstag der 23.6.20 : Ein fast perfekter Tag


Die letzten Tage waren geprägt von feuchter Luft mit Überentwicklungen, doch der Deutsche Wetterdienst versprach uns für Dienstag brauchbare Segelflugbedingungen. Die Luftmasse sollte deutlich trockener werden. „Top Task“ lockte sogar mit rekordverdächtigem Streckenflugpotenzial, korrigierte jedoch für den Südwesten um 7.30 Uhr erst mal nach unten und verbesserte gleichzeitig für die östlichen Mittelgebirge deutlich. Dies deckt sich auch mit meinen Erfahrungen für solche Wetterlagen, einem zentralen Hoch über Deutschland. Strecken westlich um Stuttgart herum, also den Schwarzwald hoch, sind nicht begünstigt da hier mit Abtrocknung und Warmlufteinbruch zu rechnen ist. Deshalb fiel die Entscheidung auf ein FAI-Dreieck mit den Wendepunkten Suhl/Goldlauter im Thüringer Wald und Furth im Wald am Südostrand des Oberpfälzer Waldes, welche sich im nachhinein als goldrichtig herausstellen sollte.

Der prognostizierte frühe Thermikbeginn nötigte mich zeitig am Flugplatz zu erscheinen. Bereits vor 9.30 Uhr stand der Flieger startklar auf der 08. Die noch beim Frühstück um 7.30 sich bildende Castellanus-Bewölkung zeugte von Feuchteresten des Vortages, hatte sich aber inzwischen aufgelöst und der Himmel war klar. Der für Weißenhorn ungewöhnlich frühe Start um 9.45 erwies sich als eventuell zu hoch gepokert denn beim ersten Blick, während des F-Schlepps, nach Norden war zu erkennen dass sich die Nordkante der Alb zwar bereits schön entwickelt präsentierte, allerdings unerreichbar weit entfernt. Mein Schlepp-Pilot Herrmann Walter bestärkte mich aber in der Hoffnung, dass während des Abfluges wohl bald auch in unserer Richtung Thermik einsetzen werde. Segelflug und Psychologie; ein eigenes Kapitel !!

Jetzt folgte das übliche Prozedere: Ausklinken in 1500m NN, Turbo anwerfen um noch etwas Höhe zu gewinnen und schließlich Abflug im Sektor um Punkt 10 Uhr, diesmal mit etwas mehr Sicherheit, in exakt 1800m NN. Diesen Wert sollte man sich einprägen, denn die Ankunftshöhe muss nun mindestens 800m NN betragen und keinen Meter weniger, da sonst ein Streckenflug nicht geschlossen werden kann ( 1000m sind von der FAI geschenkt ).

Als ich die Donau überfliege bilden sich voraus kleine Wölkchen und querab Gerstetten zupft es das erste mal. Es wird zunächst eine sehr zähe Angelegenheit. Ich komme nicht richtig voran und finde auch keinen Rhythmus. Dies zieht sich so hin bis Dinkelsbühl, wo das erste mal mein Zeitplan korrigiert werden muss. Ab hier steigt die Basis deutlich an, die Bärte werden runder und zuverlässiger aber trotz toller Wetteroptik bleiben 2m/sek. Steigen schon ein Spitzenwert. 60 km vor der ersten Wende trocknet die Luftmasse deutlich ab, aber auf die Bärte ist nach wie vor Verlass, auch wenn jetzt die verbleibenden Cumuli nicht immer auf Kurs stehen. Kleine Umwege lohnen sich immer. Inzwischen korrigiere ich das dritte mal den Zeitplan und hoffe, nun um 13.30.Uhr in Suhl wenden zu können, was, nach einer gefühlten Ewigkeit und 3 ½ h Flugzeit, so auch gelingt. Der Wind war klar gegen mich !

Im Thüringer Becken liegt noch frische Luft mit Bilderbuchwetter, ein Traum, während sich der Thüringer Wald selbst fast blau präsentiert. Die übriggebliebenen Wolkenfetzen ziehen aber gut, Warmluft scheint noch nicht beteiligt zu sein, und Richtung Kulmbach stehen auch schon wieder schöne Wolken, die integriert schon mal 2 ½ m/sek. bringen. Der richtige Hammerbart lässt aber den ganzen Tag auf sich warten. Mit dem Wind im Rücken ist auch Bayreuth schnell passiert und längst hat sich so etwas wie Fluggenuss eingestellt. Die Gewissheit, die zweite Wende zeitig umrunden zu können, hat den Druck etwas herausgenommen.

Um 15.45 Uhr ist es soweit. Furth im Wald ist umrundet und nun sollte genug Zeit für den letzten Schenkel nach Hause bleiben. Allerdings trocknet es Richtung Westen weiter deutlich ab. Es verbleiben einzelne Dunstkappen und flache Cumuli. Kurz vor Regensburg schließe ich mich einer Dreiergruppe von Segelflugzeugen an, was sich als Glücksgriff herausstellen sollte. Schnell wird klar, dass wir alle zügig vorankommen wollen. Und dennoch ist der Teamflug gekennzeichnet von gegenseitiger Rücksichtnahme, Umsicht und Disziplin. Gestaffelt in einem Höhenband von maximal 50 m fliegen wir miteinander, finden wir immer wieder gutes Steigen und an meinem Flarm sollte die nächsten 100 km nicht einmal ein rotes Warnlämpchen auslösen. So geht es also auch !

Eichstätt ist schnell erreicht, doch jetzt bietet sich ein ganz anderes Bild. Vor uns liegt eine dunstige, graue Luftmasse die am Horizont, weit im Westen, von ein paar flachen Cumuli überragt wird. Bei Harburg nehmen wir den letzten Bart bis oben hin mit und mir scheint, als müsste mal wieder das Glück bemüht werden. Der Sprung von der Fränkischen Alb in Richtung Heidenheim zur Schwäbischen Alb erweist sich, wie so oft, als problematisch und ist, nach dem etwas riskanten morgentlichen Abflug, die zweite Schlüsselstelle dieses Fluges. Bei unsicheren Wetterlagen, Blauthermik oder gegen Abend ist und bleibt der südliche Rieskraterrand die erste Wahl für den Flugweg und ist allen anderen Optionen vorzuziehen !

Erfahrungsgemäß orientiert man sich am besten bereits ab Eichstätt dort hin und nicht Richtung Donauwörth, weil zusätzlich auch noch die thermisch bevorzugten Gebiete um die Dollnsteiner Brüche genutzt werden können.

Inzwischen sind die anderen drei Flugzeuge vom Grau der Umgebung geschluckt worden und ich gleite alleine weiter in Richtung Heidenheim. Die ansonsten leblose Luftmasse trägt ab und zu noch mit 0 oder 0,2 m. Dies gäbe nur kalte Kreise, die Zeit und Höhe kosten. Gerade wird mir wieder mal in Erinnerung gerufen, welch tolles und leistungsfähiges Flugzeug mein fast 30 Jahre alter Ventus doch ist. Beim Überfliegen der A7 muss ich feststellen, dass die Wolken doch deutlich weiter im Westen stehen als vermutet. Aber die Sonne steht noch hoch und wo sonst wenn nicht hier im Talkessel von Heidenheim, umrahmt von bergigem Gelände, sollte Thermik entstehen ? Ich werde nicht enttäuscht, die Luft wird plötzlich wieder aktiv und westlich der Stadt, etwas südlich der Schäfhalde bildet sich aus einer Dustkappe eine flache Quellwolke, die 450 m über Grund erreicht wird und sofort anbeißt. Mit runden 1 ½ m Steigen geht es in Richtung Endanflughöhe und mit der Gewissheit sicher nach Hause zu kommen löst sich langsam die Anspannung. Noch mal 45 km gleiten bis zum Flugplatz Weißenhorn. Da kann man den Tag schon mal etwas reflektieren und ich stelle fest, dass der Faktor Glück bei solch einem Unterfangen nicht unterschätzt werden darf. Es ist nur so: Je mehr kluge Entscheidungen wir treffen und danach handeln um so seltener muss das Glück herausgefordert werden. Aber wer macht keine Fehler ?

Kurz vor dem Flugplatz, voll konzentriert auf den Einflug in den Zielsektor, rumple ich völlig unvermittelt in einen schönen Aufwind, dem einzigen auf dem Endanflug, der mich noch einmal, 600 m höher, auf 1800m NN trägt. Das gemeldete FAI-Dreieck wird geschlossen und mit der überschüssigen Höhe kann ich das OLC-Dreieck noch um 35 km erweitern. Die Landung erfolgt kurz nach 19 Uhr.

Die 1,49 m Durchschnittsteigen über den Tag verteilt deuten auf eher mäßige Bedingungen. Trotzdem als gut ist dieser Tag einzustufen nicht wegen der Thermikgüte sondern der Thermikdauer. Bei der abendlichen Analyse der Flüge anderer Piloten fällt auf, erstens, dass bessere Steigwerte an diesem Tag einfach nicht drin waren und, zweitens, dass die Streckenwahl ein schwieriges Kriterium darstellte. Da wurden teils seltsame Figuren in die Landschaft gezeichnet, weil sich das Wettergeschehen einfach nicht homogen entwickelte.

Aber ungeachtet dessen und um die ganze Wahrheit zu sagen: Ich finde, es war ein großartiger Tag zum Segelfliegen. Ich liebe solche Tage. Ganz nebenbei kann ich einen kleinen persönlichen Erfolg verbuchen: Bei weitem nicht meine längste Strecke aber mit

736 km das größte geflogene FAI-Dreieck.


In diesem Sinne: Glück ab, gut Land. Gerd Zwittmeier