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< Neuer Windenfahrer
17.08.2020
Alter: 100 Tage
Kategorie: öffentlich

Samstag, der 25.7.’20 : Ein ganz besonderer Tag


Jetzt könnte man ja meinen in 35 Jahren Segelflug hätte man schon wirklich Alles erlebt. Weit gefehlt !! Jeder Tag ist neu, spannend und herausfordernd und dies ist sicher eines der Geheimnisse, die unseren schönen Segelflug zu einem so einzigartigen Abenteuer machen. Zu einem solchen sollte sich auch dieser Samstag entwickeln, auf ganz besondere Weise. Aber der Reihe nach:

Ein kräftiges Hoch weit draußen auf dem Atlantik hatte einen stabilisierenden Keil nach Süddeutschland geschickt und sollte hier die Luftmassen in Schach halten. Auf dessen Vorderseite war, unter Mithilfe eines Tiefs über Island, mäßig warme Meeresluft in unsere Region geflossen. Allerdings wollte ich noch am Abend des Vortages die Einschätzung des Deutschen Wetterdienstes nicht teilen, die guten Segelflugbedingungen würden sich nur auf den Schwarzwald, die Schwäbische Alb und Teile der Fränkischen Alb beschränken. Morgens dann, gegen 8.30 Uhr, die Bestätigung: „Top Task“, die Wettervorhersage für den Streckenflieger, verbessert deutlich nach Norden, auch über den Main hinaus, die Bedingungen. Heute sollte doch eine größere Dreieckstrecke möglich sein. Gut, dass schon alle sieben Sachen vorbereitet waren und ich in den Startlöchern stand. Ich solle auf mich aufpassen gibt mir meine Frau Sabine mit auf den Weg, frage mich aber insgeheim ob die Anderen dies auch immer tun. Unterwegs zum Flugplatz ist der Entschluss schnell gefasst: 1. Wende Südschwarzwald, 2. Wende Spessart und dann über Kelheim zurück nach Weißenhorn. Ein FAI-Dreieck über 750 km.

Aufrüsten und Start verlaufen reibungslos und so bin ich schon um 10.30 Uhr unterwegs in Richtung Alb. Diese empfängt mich gleich sehr „herzlich“ mit Regen. Die Überentwicklungen stehen aber linienartig am Südrand der Alb und tragen sehr gut, stellenweise mit bis zu 3 m/sek., so dass fast nicht gekurbelt werden muss. Allerdings wird der Flieger bis Sigmaringen nicht mehr trocken. Die dicken Regentropfen schlagen fast wie Hagel auf die Haube, ein unglaublicher Lärm im Cockpit. Vor lauter Übermut grabe ich mich dann erst mal kurz vor dem Heuberg richtig ein. Recht zäh geht es wieder in die Höhe, eben so weit, bis die nächste dicke Wolke erreicht werden kann, wo mich ein schöner Bart wieder an die Basis hievt. Ab hier stabilisieren sich die Bedingungen deutlich, die Basis steigt auf über 2000 m, die Thermik wird zuverlässiger und stärker und jetzt geht’s richtig zügig voran. Kurz vor dem Schluchsee, im Südschwarzwald, treffe ich Erwin Ziegler aus Aalen mit seiner schneeweißen ASW 22. Eine Superorchidee in den Händen eines Könners. Man kann den Blick kaum abwenden. Gut, genaugenommen hat er mich ganz dreist überholt. Am Abend sollte er dann 1045 km als JoJo auf dem Konto verbuchen. Weil aber die Punkte für eine Dreieckstrecke fehlen reicht es auf der Rangliste nicht nach ganz vorne. Säddisfägtschn.

Schnell ist die Wende Sankt Blasien erreicht und ich mache mich auf den Weg Richtung Norden, direkt über den Schluchsee hinweg, der mir heute deutlich größer erscheint als sonst. Schnell wird klar warum: Am anderen Ufer angekommen zeigt der Höhenmesser noch 320 m über Grund. Das was in den Alpen selbstverständlich ist, nämlich im Relief zu fliegen, kann ich im Schwarzwald überhaupt nicht gebrauchen. Die Seitenruderseile leiden gerade wieder besonders. Ruhe bewahren heißt das Rezept ( Ha!). Als sich die Variometernadel wieder nach oben bewegt, schicke ich ein dickes Dankeschön gen Himmel. Da hat mir unser Herrgott gerade zur rechten Zeit ein wenig Thermik unter den Flügel geschoben und ich verspreche, dass ab hier Schluss ist, mit diesem flapsigen Flugstil.

Um es gleich vorwegzunehmen: Der Weg zur 2. Wende, dem Flugplatz Altfeld am Südrand des Spessart, wird der reinste Spaziergang. 265 km einfach nur zum Genießen. Die Rücken-windkomponente schiebt den Flieger zusätzlich und es kann viel verlorengegangene Zeit aufgeholt werden. Kurz vor der Wende verändert sich aber das Wolkenbild, die Steigwerte lassen nach und das Kurbeln wird richtig anstrengend. Schnell ist klar, hier hat Warmluft die Oberhand gewonnen und ich bin froh, nicht weiter nach Norden fliegen zu müssen. Vorsichtig mogele ich mich gegen 15 Uhr um die Wende und dann in Richtung Giebelstadt. Südlich vom Flugplatz stehen richtig dicke Wolken, die nicht nur sattes Steigen versprechen, sondern auch halten. Wow! Das Rennen geht weiter.

Kräftige Thermikbärte garantieren eine schnelle Reise. Einzig die Abschirmung am Horizont Richtung Osten bereitet etwas Kopfzerbrechen. Der Flugwetterbericht hatte bereits darauf hingedeutet, dass der Osten heute nicht gut sein würde. Erste Zweifel kommen auf, ob die Wende Kelheim Befreiungshalle zu schaffen sein wird. Querab Brombachsee, bis hier hin lief es wirklich gut, nehme ich mich etwas zurück und passe den Flugstil den Gegebenheiten an, denn Steigen ist ab hier nicht mehr so zuverlässig zu finden. Bereits östlich Beilngries erreicht kaum mehr ein Sonnenstrahl den Erdboden und längst lebe ich von der Substanz, sprich, meine Höhenreserven schwinden zusehens. Noch 25 km zur Wende und wieder die gleiche Strecke zurück in die Sonne, diese Rechnung wird nicht aufgehen. Den Blick auf mein DMST Punktekonto gerichtet möchte ich aber die Dreieckaufgabe nicht so schnell verloren geben.

Nun kommt zum Einsatz was in der Alpenfliegerei von elementarer Bedeutung ist, nämlich, falls Plan A nicht funktioniert, einen Plan B in der Hinterhand zu haben. Ich fliege also zurück ins Altmühltal, fast nach Beilngries, um dort am Rand der Abschirmung in der Sonne nochmals richtig Höhe zu tanken. Vorsichtig, vom Rückenwind etwas geschoben, taste ich mich nach Kelheim vor. Just in dem Augenblick als der Piepton des Loggers die korrekte Umrundung der Befreiungshalle, in Fliegerkreisen etwas despektierlich „Elefantenklo“ genannt, signalisiert, öffnet der Himmel einen Spalt und dort wo die Sonnenstrahlen den Boden erreichen entsteht sofort brauchbare Thermik. Hier war es wieder, das Quäntchen Glück.

Obwohl für diese Aktion über eine halbe Stunde verbraten wurden wächst die Zuversicht, die Aufgabe heute nach Hause fliegen zu können.

Diesmal möchte ich mich auf dem Heimweg nach Weißenhorn , wegen der Wetteroptik, etwas nördlicher halten und fliege auf West-Nord-Westkurs als ich auf der Linie Eichstätt-Thalmäs-

sing etwas am Himmel ausmache, was ich in dieser Form noch nicht gesehen habe. Also, ehrlich, bei den verschiedensten Flugsituationen habe ich schon geschworen, nie wieder Sprüche zu klopfen. Aber das glaubt nur wer’s gesehen hat. Ein Wolkenstraßenmonster biblischen Ausmaßes mit kilometerbreiter, dunkler Basis, gebildet aus mächtigen Quellwolken, die konturenlos ineinander verschmolzen sind, windet sich direkt über den Rieskrater, biegt nach Heidenheim ab um dann in Richtung nördlicher Alb am Horizont zu entschwinden. Dieses Ungetüm lädt mich an seinem Ostrand gleich mal mit tollen 3 ½ m/sek Steigen ein, näher zu kommen. Diesmal wird aber zunächst gebührend Abstand zur Basis in 2300 m gehal-

ten, weil ich heute schon mein Premierenerlebnis hatte. Und das hat sich folgendermaßen zu-

getragen.

Normalerweise wird das Thermikkreisen, besonders bei sehr großen Wolken, weit unterhalb der Basis beendet, weil die Wolke oft noch bis zum Rand gut trägt und weil der Flugweg bzw. eben eine tragende Linie viel besser zu erkennen ist. Dieses eine mal hat heute aber der Abstand nicht ausgereicht, und weil auch der Fahrtmesser meines Ventus einen roten Strich aufweist, zwar erst bei 270, aber dennoch, konnte ich das enorme Steigen nicht mehr wegdrücken. Die Wolke hat mich gefressen und erst nach endlos langen Sekunden des Blindfluges wieder ans Tageslicht gespuckt. Eine äußerst unangenehme Erfahrung. Ja, ich weiß: Wolkenflug nur mit Flugplan und entsprechender Instrumentierung. Danke für den Hinweis. Ich möchte es nie wieder tun!

Aber zurück unter dieses Monster. Es gilt die beste bzw. die schnellste Linie zu finden. Am sonnenbeschienenen, nördlicheren Rand sind die Aufwinde am stärksten und jeder Meter Steigen kann in Fahrt umgesetzt werden. Jetzt geht es schnell, sehr schnell dahin. Allein die Tatsache, dass der Gegenverkehr mit hoher Geschwindigkeit auf der gleichen Linie unterwegs sein wird, trübt etwas das Flugvergnügen. Also, Augen auf! Aber dieses Thermikband bietet genug Platz für alle und die Piloten, welche die Steigzone noch nicht so recht gefunden haben, sind eh ein Stockwerk tiefer unterwegs. Dies soll, bitteschön, nicht überheblich klingen und ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich nicht anders fliege als viele, viele Kollegen, aber ich profitiere heute von einem reichen Erfahrungsschatz, der mich bei Überlegungen taktischer Natur zahlreiche Situationen anders beurteilen lässt als früher. Längst geht es nicht mehr um das „Handwerk Segelfliegen“, das Bedienen eines Fluggerätes, sondern darum, wie man im Kopf auf den Flug eingestellt ist, wie man die taktischen Aufgaben, mit denen man während des ganzen Fluges betraut ist, bewältigt, und einzig dies ist der Schlüssel zum Erfolg. Dazu gehört eben unter anderem auch die Taktik des Fliegens unter Wolkenstraßen.

Gegen 19 Uhr wende ich kurz vor Münsingen nach 120 km kreislosen Dahingleitens um auf dem Rückweg die letzten Aufwindzonen nutzen zu können. Dann lockt mich ein Wölkchen über Ulm, wo ich um 19.30 Uhr noch mal auf 2100 m klettern kann. Der Flug ist in trockenen Tüchern als anschließend das FAI-Dreieck für die DMST über dem Fluglatz Weißenhorn geschlossen wird. Um die Strecke für den OLC-Wettbewerb zu optimieren bleibt nur noch die Option eines gestreckten Gleitfluges, da schon 5 mögliche Wendepunkte aufgebraucht sind. Ich nehme Kurs auf Bad Wörishofen, das laut Rechner knapp erreicht werden kann. Aus Sicherheitsgründen biege ich aber nahe Mindelheim in Richtung Flugplatz Mattsies ab, verschenke die letzten Kilometer, und zünde dort meine Heimkehrhilfe um dann gegen 20.30 Uhr in Weißenhorn zur Landung einzuschweben. Geschafft!

Der heutige Tag zeigte alle Facetten auf, die der Segelflug zu bieten hat. Es war ein Tag mit allen Höhen und Tiefen, mit kritischen Situationen und spielerisch leichten, mit sehr zeitraubenden Abschnitten und sehr schnellen Passagen, mit Euphorie und Ernüchterung, mit Glücksmomenten und Schrecksekunden, mit einem Balanceakt zwischen Erfolg und Miss-

Erfolg und am Ende mit dem Quäntchen Glück, das nie fehlen darf. Auf jeden Fall aber ein ganz besonderer Tag, der lange, lange in Erinnerung bleiben wird.


In diesem Sinne: Many Happy Landings, Gerd Zwittmeier

 

An dieser Stelle möchte ich ein herzliches Dankeschön all denen sagen, die mich, in welcher Form auch immer, unterstützen, ganz besonders Herrmann Walter. Euch gebührt ein großer Anteil am Erfolg.